Arzttermine / psychisches Chaos / emotionales Widersehen

 

Sommer 2019...

 

Wie ich im letzten Bericht erzählte, machte mir mein linkes Auge etwas Probleme, ich konnte immer schlechter gucken. Wie vereinbart ging ich Anfang Juli 2019 zur Gesichtsfelduntersuchung nach Flensburg. Hier waren jedoch keine Veränderungen zu erkennen. Zum Glück hatte ich im Herbst einen Termin hier in Husum bei einem Augenarzt, der mir hoffentlich helfen kann, denn irgendwas musste sein, ich konnte immer schlechter gucken. 

 

Als nächstes Problem kam nun ein ständiges Ohrgeräusch hinzu, so ein piepen. Es machte mich manchmal wahnsinnig. 

Da ich ja nicht schon genug Arzttermine hatte, machte Mone dann noch einen Termin beim Ohrenarzt, da ich dort noch kein Patient war, musste ich auch hier etwas warten, im Herbst bekam ich einen Termin. Hoffentlich kann die Ärztin dann dieses Piepen wegmachen.

 

Meine nächste Hoffnung lag in dem Termin beim Neurologen, den ich ebenfalls jetzt im Sommer 2019 hatte. Es war der letzte Termin bei diesem Arzt, denn im Herbst sollte dieser in Rente gehen und von einem jungen Arzt abgelöst werden. Heute wollte der Arzt einen kleinen Test mit mir machen, ich sollte Aufgaben lösen und etwas malen. Fast alle Aufgaben löste ich korrekt. 

Auch das EEG sah gut aus. Wir erzählten ihm von meinen Stimmungsschwankungen, woraufhin er ebenfalls zu einer Psychotherapie riet. Wie man allerdings schnell an einen Termin kam, konnte er auch nicht verraten. Da es ja heute unser letzter Termin sein sollte bei ihm persönlich, hielt er noch ein paar sehr aufrichtige und lobende Worte an mich. Er sagte ganz ehrlich, dass er bei meinem ersten Besuch nach dem durchlesen des Befundes nicht geglaubt hätte, dass es möglich ist, in so kurzer Zeit körperlich wieder so "fit" zu sein oder überhaupt wieder so "stabil" zu werden. Er war sich sicher, dass nach und nach auch das kognitive wie auch das psychische besser werden würde. Das bedarf aber viel Geduld. Und er sagte. ich sollte mich nicht überfordern. Das könnte dann nämlich auch mal das Gegenteil bewirken.

 

Während ich mich so weiterhin von Arzttermin zu Arzttermin schlängelte, versuchten wir am anderen Ende irgendwie kurzfristig psychologische Hilfe für mich zu finden. Es ging mir immer öfter schlecht, weder ich noch Mone konnten begreifen, warum es plötzlich so sehr bergab ging. Ich hatte auch klare Momente, da war alles in Ordnung, aber wie aus dem Nichts mutierte ich dann wieder zum "Monster", wie Mone es heute nennt, wenn sie davon erzählt. Ich selber kann mich an diese Momente nur wage erinnern, daher schreibe ich hier überwiegend aus Mone`s Erzählungen. Ich weiß nur das ich mich unendlich schlecht und hilflos gefühlt habe. 

 

Selbst meine Therapeuten (Ergo und Physio) bemerkten eine drastische psychische Veränderung an mir und machten sich hingehend Sorgen und rieten dringend zur psychologischen Behandlung. Sie gaben uns einige Adressen, wo wir bzw Mone anrufen können, jedoch hieß es überall gleich. "Wir können keine Termine mehr vergeben, Sie brauchen einen speziellen Therapeuten, einen Neuropsychologen". Ganz besonders schlaue meinten zu Mone, "Ihr Mann müsste selber bei mir anrufen, solange er das nicht kann, benötigt er auch keine Hilfe". 

Man sagt ja, einige Psychologen bräuchten eigentlich selber Hilfe. Jetzt verstand ich was damit gemeint war. 

 

Über Vitamin B konnte ich dann endlich einen Akuttermin bei einer ansässigen Psychologin bekommen. Endlich würde mir geholfen, so dachte ich. Eine Stunde lang erzählte ich der Psychologin alles, ich weinte viel, ich fühlte mich aber verstanden und hoffte sie könnte mir auf Dauer wirklich helfen. Tja, Sitzung war zu Ende, da sagt die zu mir, es wäre heute einmalig mit diesem Termin, da sie versetzt wird in eine andere Abteilung oder so. Das war doch jetzt alles nicht wahr oder, wozu habe ich denn gerade bitte eine Stunde lang alles über mich erzählt? Nicht nur dass ich total kaputt vom Reden war, da ich ja bei weitem noch nicht wieder normal Sprechen konnte und ich mich sehr sehr konzentrieren musste. Nein, ich hätte mich ebenso gut mit einer Mülltonne unterhalten können. Das wäre genauso sinnvoll gewesen. Meine Stimmung kippte sofort wieder. 

 

Wir hatten ja nebenbei auch noch diesen Neuropsychologen, bei dem Mone alle paar Wochen anrufen sollte, um dann quasi wieder vertröstet zu werden. Aber sie zog das durch. Für mich war das alles zu viel, ich brauchte Hilfe und ich bekam keine Hilfe. Im Gegenteil, sogar die Menschen, die ich jetzt an meiner Seite gebraucht hätte, zogen sich zurück. Vermutlich weil ich mich so sehr verändert hatte, weil ich anstrengend war. Mone erklärte allen zwar immer und immer wieder, dass ich nichts dafür kann und dass sie meine Ausbrüche nicht persönlich nehmen dürfen, aber das war die Kategorie Mensch, die ihre eigene Antwort auf alles hatte und die immer Recht hatten.

 

Ohne Worte....

 

Mittlerweile besuchte Mone eine Hirnaneurysma-Gruppe auf Facebook, wo sie nach Antworten und Hilfe suchte. Eine wirklich tolle Gruppe, wo wir viele Antworten auf viele Fragen bekamen. Man fühlte sich nicht mehr so alleine. Was das psychische bei mir anging, konnte man dort natürlich auch nur auf eine Therapie verweisen, sagte aber auch direkt, dass hier immer mit langen Wartezeiten zu rechnen ist. So wusste ich, dass es anscheinend normal ist, dass man einfach abgeblockt wird von einigen Psychologen. 

Ebenfalls ging Mone einmal im Monat zu einer Schlaganfall-Selbsthilfegruppe, wo sie einiges an Input rausziehen konnte, was meine Krankheit und unsere Situation anbelangte. 

 

Etwas kleines positives hatte ich ja trotzdem noch, ich konnte endlich bei der neuen Logopädin in Therapie gehen. Bei ihr gefiel es mir richtig gut, sie machte viele Übungen mit mir und auch für zu Hause bekam ich was zum Lernen. In den Zeiten, in denen man sich mit mir beschäftigte und gezielt mit mir arbeitete, war die Welt für einen kurzen Moment in Ordnung. Die kleinen Erfolgserlebnisse, die ich hatte, wenn ich meine Übungen richtig machte, stimmten mich positiv. Aber meist hielt das nicht lange an...

 

Die Physio und Ergotherapie besuchte ich weiterhin regelmäßig. Beide waren sehr bemüht, meine Nacken/Schulterschmerzen in den Griff zu bekommen. Nach den Übungen und Behandlungen war auch alles für einen Moment gut, jedoch traten die Schmerzen immer wieder auf. Um sicher zu gehen, dass es kein Orthopädisches Problem ist, sollte ich mir einen Termin bei einem Orthopäden holen. Wie sollte es auch anders sein, mit Wartezeit bekam ich einen Termin im Herbst.

 

 

Herbst 2019....

 

In dieser Zeit passierte so einiges. Fange ich mal direkt mit meinem 50ten Geburtstag im Oktober an. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, hätte ich keinen sehen wollen. Ich war noch nie ein Freund vom Geburtstag feiern. Aber es gab wohl einige, die fragten ob wir was machen. Mone meinte es gut und lud eine kleine Gruppe abends zum gemütlichen Zusammensitzen ein. Gleich zum Anfang war ich bereits bedient, da fragt mich tatsächlich jemand vor versammelter Mannschaft, warum ich denn überhaupt glaube zu meinen, dass ich einen Psychologen benötige. So nach dem Motto, ich bilde mir das ja alles nur ein. 

Von Empathie und Loyalität keine Spur. Am liebsten wäre ich in diesem Moment aufgestanden und hätte alle rausgeschmissen, aber ich war so schockiert von dieser Frage, dass ich Idiot auch noch irgendwie versuchte mich zu rechtfertigen, wie bescheuert von mir. Diese dämliche Frage von dieser Person vor allen Leute, dass ärgert mich bis heute so immens, das kann sich keiner vorstellen. Ich fühlte mich noch mehr unverstanden als überhaupt schon. 

 

Alle feierten den Abend als wäre alles gut. Auch ich trank ein zwei drei Desperados, das erstemal nach meiner Hirnblutung wieder Alkohol. Desperados war schon früher mein Lieblingsbier und heute zu meinem 50ten Geburtstag traute ich mich einfach mal. Es schien für alle als würde ich Spaß haben und als würde es mir gut gehen, aber in Wirklichkeit versuchte ich nur gute Miene zum bösen Spiel zu erhalten. Wenn alle laut durcheinander redeten und lachten dröhnte mein Kopf und ich verstand kein Wort mehr. Einen Moment lang hatte ich die Aufmerksamkeit tatsächlich mal für mich und das genoss ich dann auch. Wie genau es war kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß nur, dass ich bereits nach Abzug des letzten Gastes zu Mone sagte, dass es eine scheiss Idee war und dass mir das alles zu viel war, sowas braucht sie nicht wieder zu machen. Alle die jetzt da waren, melden sich doch sowieso nie nächsten Wochen und Monate wieder nicht, darauf kann ich auch echt scheißen. Ja, so bin ich eben und diese Eigenschaft an mir ist sogar noch extremer geworden als vor der Hirnblutung. Ich sag immer die Wahrheit und immer das was ich denke. 

 

Ich beginne mal mit dem Ohrenarzt. Abgesehen davon, dass wir knapp 2 Stunden Wartezeit hatten, verlief der Termin sehr positiv. Mit einem Sauger wurden meine Ohren gereinigt. Ich erzählte ihr von meinem Piepen in den Ohren. Sie meinte, dies kann durchaus krankheitsbedingt sein bei mir, bzw auch aus dem Grund, dass ich seit einigen Monaten extremen psychischen und seelischen Stress habe. Man nennt dieses Piepen Tinitus. Oft hängen diese Ohrgeräusche mit der aktuellen Befindlichkeit zusammen. Sie gab mir einen neuen Termin für Anfang nächsten Jahres und dann würden wir einen Hörtest machen und schauen, ob evtl. ein Hörgerät sinnvoll wäre. 

 

Weiter geht es mit dem Orthopäden. Da woanders kein Termin zu bekommen war, mussten wir hierfür extra nach Flensburg fahren. Ich wurde geröntgt und untersucht. Jedoch ohne Befund. Einerseits ja gut, aber was war das doch nur mit diesen blöden Schmerzen. Er riet zu Massagen und gezielten Übungen.

 

Fahren wir fort mit dem Augenarzt. Endlich hatte ich den Termin hier in Husum, um einfach mal eine andere und/oder auch bessere Meinung zu erhalten. Tja, Diagnose linkes Auge "grauer Star". Der Arzt nahm sich richtig viel Zeit für mich und erklärte mir und Mone alles ganz genau. Grauer Star ist überhaupt nichts schlimmes, durch den Austausch der Linse anhand einer OP lässt sich dieses sehr schnell beheben. In meinem Fall ist es allerdings ein klein wenig komplizierter, da ich ja bereits im Dezember diese Glaskörperentfernung hatte, erschwert es das Anbringen einer Linse, was aber für Fachärzte kein Problem darstellen sollte. Er empfahl mir die Augenklinik Rendsburg, mit welcher er zusammenarbeitet.

 

Ich erklärte ihm jedoch, dass ich dem Augenarzt in Flensburg, dem alten Herrn sehr vertraue, schließlich hat dieser mich im Dezember erfolgreich operiert. 

Der Arzt meinte, er kann Rendsburg nur empfehlen, aber die Entscheidung liegt natürlich bei mir.

 

So nahm ich den Termin einige Wochen später bei dem Augenarzt in Flensburg wahr und sagte ihm auch direkt, dass ich grauen Star habe und dass ich zwischenzeitlich in Husum zum Termin war, weil er ja auch so lange nicht anwesend war. 

Er schaute sich das Auge an und bestätigte dieses. 

Direkt suchte er einen O.P. Termin für Mitte November raus. Es würde laufen wie bei der O.P. im Dezember, unter örtlicher Betäubung. Ich war total happy in diesem Moment. 

 

Heute schien wohl ein positiver Tag zu sein, denn wie jedes Mal, wenn wir hier einen Termin hatten, gingen wir auch dieses mal Richtung Raucherhäuschen vor der Diako Flensburg.

Von weitem sah man, dass dort einige Menschen standen und obwohl ich nur auf einem Auge gut gucken konnte war ich mir sicher meine "Indianerin" würde dort stehen. Ich sagte nur zu Mone "da steht sie" und rannte los. Mone kam gar nicht so schnell hinterher. Und tatsächlich, es war meine Lieblingsschwester die "Indianerin", wie ich sie in meinen Erinnerungen nannte.

 

Ich stellte mich vor sie und fragte sie, ob sie mich wiedererkennt. Mone stellte sich neben mich und begrüsste sie mit ihrem Namen. Die runzelte die Stirn, dann hörte man es klicken. Sie bekam nasse Augen und sagte, "Das glaub ich jetzt nicht, Du bist der Fußballfan?" Sie nannte mich also Fußballfan, auch lustig. Mone sagte sofort "ja genau".

Sie nahm mich in den Arm und küsste mir mehrfach auf die Wange, man merkte wie sehr sie sich freute. Sie fragte mich, ob ich mich wirklich an sie erinnern kann... Ich sagte "ja, du trägst deine Brille an einer Kette um den Hals"! Mit großen Augen guckte sie mich an, mit einem Blick an sich herunter öffnete sie ihre Jacke und da hing sie, die Brille an einer Kette um den Hals! Dieser Moment war wiedermal einer der emotionalsten in meinem Leben, bei dem ich auch heute noch Gänsehaut bekomme, wenn ich daran zurückdenke. Die Blicke aller, die um uns herum standen, waren auf uns gerichtet und jeder einzelne freute sich mit uns.

 

Da die Pause der Indianerin vorbei war, mussten wir uns auch schon bald wieder verabschieden. Wir versprachen, dass wir auf jeden Fall spätestens im nächsten Jahr nochmal auf die Intensivstation zu Besuch kommen und dann auch Kuchen für alle mitnehmen. "Oh ja, sagte sie, dann freuen wir uns alle".

 

Genau so etwas brauchte ich jetzt, in dieser schwierigen Zeit. Jegliche Herzlichkeiten bekam ich von "fremden" Menschen, obwohl ich sie so dringend von meinem Umfeld benötigte. Wo waren sie alle geblieben. Als ich auf der Intensiv lag oder in der Reha war, wurde ich überschüttet mit Aufmerksamkeit. Jetzt, wo ich es so sehr benötigte, war plötzlich kaum noch jemand da. 

 

Wo wir wieder bei meiner Psyche wären. Da die letzte Psychologin ja leider nur einen einzigen Termin Zeit für mich hatte, konnte ich jetzt im Herbst Überbrückungstermine bei einer ehrenamtlichen Psychologin der Diakonie bekommen. Wieder setzte ich all meine Hoffnung darin, dass mir endlich geholfen wird.

Wie soll ich es formulieren, damit es sich nicht unhöflich oder undankbar anhört. Ich wusste sehr zu schätzen, dass mir jemand unentgeltlich helfen möchte, absolut klasse. Für mich war es in diesem Moment jedoch eher kontraproduktiv. Die Psychologin war sehr jung, sie ließ mich auch ca 1 Stunde lang erzählen, ich setzte wieder all meine Konzentration in dieses Gespräch, weinte wieder viel. Am Ende des Gesprächs sagte sie,  sie könne mit meiner Krankheit so rein gar nichts anfangen. Da hing ja gleich schon das erste Ohr. Sie gab mir für zu Hause eine Aufgabe mit. Ich sollte jeden Tag eine Sache auf einen Zettel schreiben, die gut war. Ich guckte sie fragend an und das konnte ich mir nicht verkneifen und sagte "Na dann kann ich ja für heute schonmal aufschreiben, dass es gut war das ich keinen Durchfall hatte".

Fix und fertig mit mir und der Welt fuhren wir wieder nach Hause. Ich bat Mone direkt, den Folgetermin abzusagen, dann kann ich mich auch zu Hause mit einer Blume unterhalten, so ein scheiß. 

 

Und zu guter Letzt noch zwei Zeilen bezüglich meiner Zähne, diese konnten nämlich nach vielen Sitzungen nun endlich eingesetzt werden. Ein ungewohntes aber gutes Gefühl, endlich wieder vernünftige Zähne im Mund zu haben. 

 

 

Im nächsten Bericht erfahrt ihr, wie es weitergeht, z.B. mit der Augen-O.P., ob ich endlich Hilfe bekommen bezüglich meiner Stimmungsschwankungen und vieles mehr...