Tag 1 aus dem Tagebuch, geschrieben von meiner Frau!
Es war 4:35 Uhr morgens.
Ich wurde wach, weil ich dich husten hörte. Dein typischer Raucherhusten – das war mein erster Gedanke. Doch dann hörte ich, wie du würgtest, und kurz darauf ein Poltern an der Treppe. Sofort spürte ich, dass etwas nicht stimmte.
Ich stand auf, ging zur Treppe und sah dich dort stehen: festgeklammert am Geländer, kreidebleich und schweißgebadet. Dein Blick war starr. Leise fragtest du: „Was ist das?“
Ich lief sofort zu dir, um dich festzuhalten.
Doch du warst bereits auf dem Weg in Richtung Küche.
Noch bevor ich dich erreichen konnte, wurdest du bewusstlos und sacktest zu Boden.
Heftige Krämpfe durchzogen deinen Körper. All das geschah innerhalb weniger Sekunden.
Ich hatte immer geglaubt, dass ich in einer solchen Situation nicht wissen würde, was zu tun ist. Doch ich funktionierte einfach. Ohne nachzudenken, griff ich nach einem Kissen von der Küchenbank, legte es unter deinen Kopf, brachte dich in die stabile Seitenlage und wählte den Notruf.
Am anderen Ende meldete sich eine Mitarbeiterin der Leitstelle. Völlig panisch nannte ich Namen und Adresse und flehte darum, sofort einen Rettungswagen zu schicken. Die Dame blieb ruhig, stellte gezielte Fragen und gab mir klare Anweisungen.
Als die Krämpfe für einen kurzen Moment nachließen, musstest du dich übergeben. Immer wieder griffst du mit der linken Hand vor dein linkes Auge und sagtest: „Roter Kreis.“ Wieder und wieder tastetest du danach.
Endlich traf der Rettungswagen ein. Für einen kurzen Moment musste ich dich allein lassen, um die Haustür zu öffnen.
Die Sanitäter kamen herein und kümmerten sich sofort um dich. Wenige Sekunden später traf auch der Notarzt ein.
Wenn man dich ansprach, warst du kurzzeitig ansprechbar.
Man merkte, dass du etwas mitteilen wolltest, doch die Worte fanden ihren Weg nicht mehr. Du deutetest auf deinen Kopf und sagtest immer wieder: „Ich habe ... ich habe ...“
Der Notarzt führte einige neurologische Tests durch. Du solltest mit beiden Armen nach ihm greifen und gegen seine Hände drücken. Das gelang dir zunächst problemlos. Dennoch war spürbar, dass er nach einer Erklärung für deinen Zustand suchte.
Man legte dir einen venösen Zugang und begann mit einer Infusion. Während sich Arzt und Sanitäter darüber berieten, in welches Krankenhaus sie dich bringen sollten, schienst du plötzlich wieder klarer zu sein. Du sagtest: „Darf ich mal etwas sagen? Ich habe hier ...“ Dabei fasstest du dir an den Kopf.
Unmittelbar danach erlittst du erneut einen schweren Krampfanfall.
Damit stand die Entscheidung fest: Du solltest ins Diakonissenkrankenhaus nach Flensburg gebracht werden.
Plötzlich wurde alles hektisch. Tief in mir wusste ich, dass etwas sehr Schlimmes passiert war. Es fühlte sich an, als würde mein Körper von innen heraus brennen.
Die Sanitäter brachten dich in den Rettungswagen. Dort blieben sie noch einige Minuten stehen, um dich zu stabilisieren, denn die Krampfanfälle hörten nicht auf. Dann fuhren sie los.
Und ich blieb zurück.
Auf der Auffahrt stehend wusste ich nicht mehr, was ich zuerst oder zuletzt denken sollte. Erst in diesem Moment bemerkte ich, dass ich außer einem Slip und einem Trägertop nichts am Körper trug.
Es spielte keine Rolle.
Sogar unsere Hunde hatten sich ins Wohnzimmer zurückgezogen und während des gesamten Geschehens keinen einzigen Laut von sich gegeben – etwas, das überhaupt nicht zu ihnen passte.
Ich versuchte, mich zu sammeln. Telefonierte mit Menschen, weil ich nicht allein sein konnte. Regelte das Nötigste. Gegen acht Uhr machte ich mich schließlich auf den Weg nach Flensburg.
Nichtsahnend fuhr ich mit meinem Caddy ins Parkhaus des Krankenhauses. Als wäre der Tag nicht schon schlimm genug, dauerte es keine zehn Sekunden, bis ich mit dem Dachgepäckträger an der Betondecke hängen blieb.
In diesem Moment versagten sämtliche Nerven.
Zum Glück hatte ich fast immer Werkzeug im Auto. Also holte ich Schraubenschlüssel und Hammer hervor und begann, laut fluchend auf den Dachträger einzuschlagen. Erfolglos.
Nach etwa fünfzehn Minuten erschien der Hausmeister des Parkhauses mit einer Eisensäge in der Hand. Über die Überwachungskameras hatte er mein verzweifeltes Schauspiel verfolgt und kam, um mir zu helfen.
„Sie sind nicht die Erste, der das passiert“, sagte er.
Weitere fünfzehn Minuten später war das störende Metall abgesägt und ich konnte endlich einparken.
Völlig erschöpft und immer noch ohne zu wissen, was mit dir geschehen war, machte ich mich auf den Weg zur Diako.
Nach der Anmeldung wurde ich auf die operative Intensivstation verwiesen. Eine Schwester begleitete mich dorthin.
Sie durfte mir nichts sagen. Dennoch war zwischen den Zeilen herauszuhören, dass du operiert wurdest.
Auf der Intensivstation musste ich zunächst warten. Inzwischen war es etwa zehn Uhr.
Endlich kam eine Schwester zu mir. Sie erklärte, dass die Operation noch andauere und voraussichtlich längere Zeit in Anspruch nehmen werde. Sie empfahl mir, in die Stadt zu gehen, einen Kaffee zu trinken und warme Socken sowie Kopfhörer für dich zu besorgen.
Was das wohl zu bedeuten hatte?
Ich erklärte ihr jedoch, dass ich lieber nach Hause fahren würde. Dort warteten noch Tiere, die versorgt werden mussten.
Ich wusste, dass es in deinem Sinne gewesen wäre, sie nicht zu vergessen.
Die Schwester gab mir die Telefonnummer der Intensivstation und sagte, ich könne jederzeit anrufen, um mich nach deinem Zustand zu erkundigen. Mehr durfte und konnte sie mir jedoch nicht sagen.
Wie in Trance fuhr ich zurück nach Hause.
Rückblickend hätte ich in diesem Zustand kein Auto fahren dürfen. Doch ich hatte mich dafür entschieden und kam glücklicherweise heil an.
Gegen Mittag war ich zu Hause.
Erst gegen 15 Uhr erhielt ich den erlösenden Anruf aus Flensburg: Die Operation war beendet. Du würdest nun auf die operative Intensivstation verlegt und dort weiter überwacht werden.
Also machte ich mich erneut auf den Weg nach Flensburg.
Diesmal saß ich nicht selbst am Steuer. Dafür bin ich bis heute dankbar.
Auf der Intensivstation empfing mich eine andere Schwester als am Morgen. Sie erklärte, dass gleich ein Arzt kommen würde, um mir zu erläutern, was geschehen war.
Zu diesem Zeitpunkt waren bereits rund elf Stunden vergangen – und ich wusste immer noch nicht, was mit dir los war.
Doch zunächst durfte ich zu dir.
Mit klopfendem Herzen betrat ich das Zimmer.
Du lagst dort, umgeben von medizinischen Geräten. Du wurdest beatmet. Die linke Seite deines Kopfes war rasiert, und eine große Operationsnarbe zog sich über die Haut.
Du warst am Kopf operiert worden.
Der Anblick war erschütternd.
Die Schwester erklärte mir, dass du im künstlichen Koma liegst.
Alles wirkte unwirklich. Solche Bilder kannte ich bis dahin nur aus dem Fernsehen.
Wieder hatte ich dieses Gefühl, innerlich zu verbrennen.
Da lagst du – und ich konnte nichts tun.
Schließlich erschien der Arzt.
Der Operateur selbst war bereits gegangen, sodass ein anderer Arzt mit mir sprach.
Er erklärte mir, dass in deinem Kopf ein Aneurysma geplatzt sei und eine schwere Gehirnblutung ausgelöst habe. Nach seiner Einschätzung handelte es sich um Grad 5 – die schwerste Form.
Während der Operation habe man die Blutung stoppen und das Aneurysma mittels Clip versorgen können.
Meine erste Frage lautete:
„Wird er wieder gesund?“
Die Antwort traf mich mit voller Wucht.
Der Arzt sagte offen, dass die Chancen aufgrund der Schwere der Blutung sehr gering seien. Etwa ein Drittel der Patienten überlebe eine solche Blutung nicht. Ein weiteres Drittel bleibe dauerhaft pflegebedürftig. Nur etwa ein Drittel finde in ein annähernd normales Leben zurück.
Und er könne sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass du zu diesem letzten Drittel gehören würdest.
Dein Zustand sei äußerst kritisch.
Die nächsten drei Wochen würden darüber entscheiden, ob du überhaupt überleben würdest.
Mit diesen Worten ließ er mich zurück.
Was man in einem solchen Moment fühlt, lässt sich kaum beschreiben. Es ist ein Schmerz, den vermutlich nur Menschen verstehen können, die selbst einmal vor einer ähnlichen Situation standen.
Es fühlte sich an, als hätte mich ein Bus überrollt.
Ich weinte. Immer wieder. Und ich konnte nicht mehr aufhören.
Zum Glück war ich nicht allein. Menschen fingen mich auf, trösteten mich und hielten mich fest.
Eine Schwester brachte mir ein Glas Wasser und einen Fragebogen. Diesen sollte ich in Ruhe zu Hause ausfüllen.
Darin wurde nach deinen Hobbys, deiner Lieblingsmusik, deinem Lieblingsessen, deinem Beruf, deinem Spitznamen und vielen weiteren persönlichen Dingen gefragt.
So, erklärte sie, könne das Pflegepersonal besser auf dich eingehen und dich als Mensch kennenlernen.
Außerdem sagte sie, dass ich jederzeit anrufen dürfe – Tag und Nacht. Und sollte sich dein Zustand dramatisch verändern, würde man mich selbstverständlich informieren.
Bevor ich ging, setzte ich mich noch einmal an dein Bett.
Ich nahm deine Hand.
Ich wusste nicht, ob du mich hören konntest. Wahrscheinlich nicht.
Aber ich musste dir etwas sagen.
Ich sagte dir, dass ich dich liebe.
Dass du jetzt kämpfen musst.
Dass du mich bitte nicht allein lassen darfst.
Und dass du mir versprochen hast, immer wieder nach Hause zurückzukommen.
Dann ging ich.
Und ich wusste nicht, ob es das letzte Mal gewesen war, dass ich dich gesehen hatte.
Zu Hause funktionierte ich nur noch wie ferngesteuert.
Ich erledigte alles, was erledigt werden musste, und setzte mich schließlich an den Fragebogen.
Als ich fertig war, lag dein ganzes Leben – zusammengefasst auf wenigen Seiten – vor mir.
Ich dachte wieder an die Worte der Schwester. An die warmen Socken. An die Kopfhörer.
Warum hatte sie das gesagt?
Es war inzwischen spät geworden.
Furchtbare Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Wie würde es weitergehen?
Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass ich den Menschen, den ich seit 18 Jahren kannte und liebte, möglicherweise niemals wieder so erleben würde wie noch am Tag zuvor.
Denn selbst wenn du überleben würdest – wofür ich inständig betete –, hatte der Arzt gesagt, dass du wahrscheinlich ein Pflegefall bleiben würdest.
Es tat mir unendlich leid.
Für dich.
Für alles, was dir widerfahren war.
Für den Gedanken, dass du eines Tages aufwachen und begreifen könntest, was geschehen war.
Mit all diesen Ängsten legte ich mich schließlich in dein Bett, einfach um dir irgendwie nahe zu sein.
Irgendwann muss ich weinend eingeschlafen sein.
Was ich an diesem Tag jedoch ebenfalls erfahren durfte: Ich war nicht allein.
Viele Menschen waren für mich da, haben mich getragen, unterstützt und begleitet.
Dafür werde ich immer dankbar sein.

