Tag 2 - Donnerstag, 23.08.2018

Tag 2 aus dem Tagebuch meiner Frau!

 

"Gegen 5 Uhr werde ich wach. Viel geschlafen hatte ich natürlich nicht. Es dauert einige Sekunden, bis ich realisiere, dass alles, was sich in den letzten 24 Stunden abspielte, nicht nur ein schrecklicher Alptraum war, sondern es ist gestern wirklich alles passiert. Ich schreie, ich weine, ein bitterlicher Schmerz schoss mir durch den ganzen Körper. Als ich mich beruhigte versuchte ich klar zu denken, ich hatte Verantwortung hier zu Hause, ich musste jetzt irgendwie funktionieren, dass hättest du dir jetzt gewünscht, das weiß ich.

Der nächste Gedanke, mein Handy, wo ist mein Handy, hoffentlich hatte das Krankenhaus nicht angerufen. Sie wollten sich melden, im Notfall.

 

Puh, kein Anruf in Abwesenheit. Das war schonmal gut.

 

Man sagte mir ja gestern, ich dürfte zu jeder Tages und Nachtzeit auf der Intensiv anrufen. Ich musste jetzt wissen wie es dir geht.

Somit rief ich gegen 5.30 Uhr dort an. Eine Schwester geht ans Telefon. Ich fragte sie, wie dein Zustand ist.

Sie sagt, du hast die Nacht überstanden und bist soweit stabil, keine Zwischenfälle. Es war ein kurzes Gespräch, aber wichtig war, du hattest die Nacht überlebt.

 

Um ca. 13.15 Uhr geht es los Richtung Flensburg, ich werde gefahren und begleitet, dafür bin ich sehr dankbar.

Gegen 14 Uhr drücke ich die Klingel der Intensivstation. Eine Schwester sagt durch den Lautsprecher, ich möchte bitte vorne im Wartebereich Platz nehmen, es würde gleich eine Neurologin hinzukommen und mit mir reden. Schon wieder wird mir schlecht, warum soll ich hier draußen warten, warum kann sie nicht auf der Station mit mir sprechen. 

Ich muss Gott sei dank nicht lange warten. Es ist eine sehr liebe Ärztin, Sie erklärt mir nochmal Schritt für Schritt, was genau mit dir passiert ist.

Schon alleine ihre Stimme lässt es etwas anders klingen, als die Diagnose, die der Arzt mir gestern verbal an den Kopf knallte.

 

Du bist gestern in einem sehr sehr schlechten Zustand dort eingeliefert worden. Es wurde sofort ein CT gemacht, wo sie direkt die Ursache erkennen konnten. Es ist ein Aneurysma in deiner linken Gehirnhälfte geplatzt. Du wurdest sofort Notoperiert, diese OP dauerte ca. 6 Stunden. Dabei wurde dir der Schädel geöffnet. Die Blutung konnte in dieser OP gestoppt werden, das Aneurysma wurde geclippt. Das restliche Blut, welches sich noch in den Gehirnwänden befindet, muss von alleine resorbieren. Sie erklärt, dass jetzt deine rechte Körperhälfte betroffen ist.

Das heißt, man geht jetzt erstmal davon aus, dass deine rechte Seite gelähmt ist. Zusätzlich ist dein Sprachzentrum sehr sehr stark beschädigt oder gar zerstört. Aber zu all dem könne man erst konkret etwas sagen, wenn du wieder wach bist. Sie sagt, dass sie ein kleines bisschen Hoffnung hat, weil du noch so jung bist. Manchmal ist es möglich, dass andere freie Gehirnzellen die Funktionen der betroffenen zerstörten Zellen übernehmen. Dieses ist ein langwieriger Prozess, bei dem man nicht von Wochen oder Monaten redet, sondern eher von Jahren.

Gleichzeitig muss sie aber auch darüber aufklären, dass die nächsten 3 Wochen sehr sehr entscheidend sind für den weiteren Verlauf. Es kann in dieser Zeit leider alles passieren. Es kann sein, dass du zusätzlich einen Schlaganfall oder einen Infarkt bekommst.

Es kann sein, dass du das alles nicht überlebst. Aber sie sagt, davon wollen wir jetzt alle nicht ausgehen. 

Das war sehr viel Info, mein Kopf qualmte, dass musste jetzt erstmal alles sacken.

Aber es war doch ein kleiner Grashalm an Hoffnung, den sie mir da gegeben hatte. 

In ihrem letzten Satz haut sie dann raus, dass sie bereits begonnen haben, dich wach werden zu lassen. Was ? War das jetzt eine gute Nachricht? 

Wir beendeten das Gespräch und ich durfte nun endlich zu dir. Sie lassen dich heute wach werden, ich konnte es noch gar nicht glauben.

 

Heute ist ein Pfleger für dich zuständig.

Ich stell mich wieder an deine linke Seite und nehme deine Hand. Als ich dich begrüße, drückst du plötzlich ganz leicht meine Hand. Ich konnte es nicht fassen, war das jetzt echt oder hatte ich mir das nur eingebildet... 

Aber nein, mit der Zeit kamen immer mehr Reaktionen von dir, du bewegtest deinen Kopf, du machtest dein rechtes Auge auf, dein linkes Auge konntest du nicht öffnen, da du dort von der OP noch einen dicken Bluterguss hattest. 

Du wurdest immer unruhiger und sehr hektisch oder auch panisch. Ich wusste nicht was ich machen sollte, ich versuchte beruhigend auf dich einzureden, aber es wurde eher schlimmer, es sah aus als würdest du dich schrecklich quälen.

Mir wurde alles zu viel und ich musste raus aus deinem Zimmer, ich hatte das Gefühl ich bekomme keine Luft mehr. 

Der Pfleger erklärte mir, dass es leider manchmal vorkommt, dass Patienten in der Aufwachphase sehr unruhig sind, es ist für dich jetzt ein schwerer Kampf wieder wach zu werden. Da müsstest du jetzt durch sagt er. Er sagte auch, dass es in Ordnung ist, wenn ich gehen möchte, es ist für Angehörige oft schwer zu ertragen. Es würde jetzt noch einige Zeit andauern dieser Prozess. 

Es viel mir wirklich schwer, dich da jetzt in dieser Situation alleine zu lassen, aber ich entschloss tatsächlich, nach Hause zu fahren, es war auch schon gegen Abend und ich hatte ja noch die Tiere zu versorgen. 

Ich erzählte dem Pfleger noch ein paar Dinge, die er dir bitte sagen soll, wenn du wach bist, falls du dann ansprechbar bist.

Wie er mich anguckte, als würde jemand nach einer so schweren Verletzung ansprechbar sein. Ich merkte dann selber, dass es unrealistisch war, was ich da gerade gesagt habe, aber ich glaube, er hatte einfach nur Verständnis dafür, denn er sagte nichts dagegen.

 

So ging es Richtung nach Hause und ich hoffte und betete für dich, dass du dich schnell beruhigst und ohne Komplikationen wach wirst. 

 

Auch heute hatte ich wieder viele Menschen die mich unterstützt haben. Von Hunde raus lassen bis Abendessen kochen war alles dabei. Danke!

Per Whatsapp, SMS oder Telefon haben heute viele Menschen nach dir gefragt. 

 

Ich bin früh ins Bett, völlig erschöpft, natürlich schlafe ich wieder in deinem Bett.

Ich kann es kaum abwarten, morgen früh auf der Intensiv anzurufen.