Tag 2 aus dem Tagebuch meiner Frau!
Gegen 5 Uhr wache ich auf. Geschlafen habe ich kaum.
Einige Sekunden lang brauche ich, um zu begreifen, dass das, was sich in den vergangenen 24 Stunden abgespielt hat, kein schrecklicher Albtraum war. Es ist tatsächlich passiert.
Ich schreie, ich weine. Ein stechender Schmerz durchfährt meinen ganzen Körper.
Als ich mich etwas beruhigt habe, versuche ich, einen klaren Gedanken zu fassen. Hier zu Hause trage ich Verantwortung. Irgendwie muss ich jetzt funktionieren. Ich weiß, dass du dir genau das wünschen würdest.
Mein nächster Gedanke gilt meinem Handy. Wo ist es? Hoffentlich hat das Krankenhaus nicht angerufen. Man hatte mir gesagt, dass sie sich im Notfall melden würden.
Zu meiner Erleichterung sehe ich keinen verpassten Anruf.
Gestern hatte man mir außerdem gesagt, dass ich die Intensivstation jederzeit anrufen dürfe – Tag und Nacht.
Ich musste wissen, wie es dir geht.
Also rufe ich gegen 5:30 Uhr dort an.
Eine Schwester nimmt den Anruf entgegen. Ich frage sie nach deinem Zustand.
Sie sagt, dass du die Nacht überstanden hast und dein Zustand stabil sei. Es habe keine Zwischenfälle gegeben. Das Gespräch dauert nur wenige Minuten, aber die wichtigste Nachricht ist: Du hast die Nacht überlebt.
Gegen 13:15 Uhr machen wir uns auf den Weg nach Flensburg. Ich werde gefahren und begleitet, wofür ich unendlich dankbar bin.
Kurz vor 14 Uhr stehe ich vor der Intensivstation und drücke die Klingel. Über den Lautsprecher bittet mich eine Schwester, zunächst im Wartebereich Platz zu nehmen. Eine Neurologin werde gleich zu mir kommen und mit mir sprechen.
Sofort wird mir wieder übel. Warum soll ich draußen warten? Warum kann sie nicht auf der Station mit mir sprechen?
Zum Glück dauert es nicht lange.
Eine freundliche Ärztin holt mich ab und erklärt mir noch einmal Schritt für Schritt, was genau passiert ist. Allein die Art, wie sie spricht, lässt die Diagnose anders wirken als die Worte des Arztes, der sie mir am Vortag nahezu unvermittelt mitgeteilt hatte.
Du wurdest in einem äußerst kritischen Zustand eingeliefert. Sofort wurde ein CT durchgeführt, auf dem die Ursache schnell erkannt werden konnte: In deiner linken Gehirnhälfte war ein Aneurysma geplatzt.
Unmittelbar danach wurdest du notoperiert. Die Operation dauerte etwa sechs Stunden. Dafür musste dein Schädel geöffnet werden. Die Blutung konnte gestoppt und das Aneurysma erfolgreich geclippt werden. Das verbliebene Blut im Gehirngewebe müsse nun vom Körper selbst abgebaut werden.
Die Ärztin erklärt mir weiter, dass derzeit deine rechte Körperseite betroffen sei. Man müsse zunächst davon ausgehen, dass dort Lähmungen vorliegen. Zusätzlich sei dein Sprachzentrum schwer geschädigt, möglicherweise sogar zerstört. Konkrete Aussagen könne man jedoch erst treffen, wenn du wieder wach bist.
Trotz allem gibt sie mir einen kleinen Funken Hoffnung. Sie sagt, Du bist noch jung. Manchmal können gesunde Hirnareale Aufgaben übernehmen, die zuvor von geschädigten Bereichen ausgeführt wurden. Allerdings sei das ein langer Prozess, bei dem man nicht von Wochen oder Monaten spreche, sondern eher von Jahren.
Gleichzeitig macht sie deutlich, dass die kommenden drei Wochen entscheidend sein werden. In dieser Zeit könne leider alles passieren. Es bestehe das Risiko weiterer Komplikationen, etwa eines Schlaganfalls oder Hirninfarkts.
Es könne sogar sein, dass du das alles nicht überlebst.
Dann fügt sie hinzu: „Aber davon wollen wir jetzt nicht ausgehen.“
Mein Kopf raucht. Die vielen Informationen müssen erst einmal verarbeitet werden.
Und doch bleibt da dieser kleine Halm Hoffnung, den sie mir gegeben hat.
Mit ihrem letzten Satz überrascht sie mich dann völlig:
Sie hätten bereits begonnen, dich langsam aufwachen zu lassen.
Was? War das jetzt eine gute Nachricht?
Wir beenden das Gespräch, und endlich darf ich zu dir. Du sollst heute wach werden. Ich kann es kaum glauben.
Heute ist ein Pfleger für dich zuständig.
Ich stelle mich wieder an deine linke Seite und nehme deine Hand.
Als ich dich begrüße, drückst du plötzlich ganz leicht meine Hand.
Ich kann es kaum fassen. War das wirklich passiert oder hatte ich es mir nur eingebildet?
Doch mit der Zeit folgen weitere Reaktionen. Du bewegst den Kopf. Du öffnest dein rechtes Auge. Das linke kannst du noch nicht öffnen, dort hat die Operation einen großen Bluterguss hinterlassen.
Je wacher du wirst, desto unruhiger wirst du. Deine Bewegungen werden hektisch, fast panisch. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich rede beruhigend auf dich ein, doch es scheint eher schlimmer zu werden.
Es sieht aus, als würdest du einen furchtbaren Kampf führen.
Irgendwann wird mir alles zu viel. Ich verlasse das Zimmer, weil ich das Gefühl habe, keine Luft mehr zu bekommen.
Der Pfleger erklärt mir, dass solche Reaktionen in der Aufwachphase nicht ungewöhnlich seien. Manche Patienten würden sehr unruhig werden. Für dich sei das nun ein schwerer Kampf zurück ins Bewusstsein.
„Da muss er jetzt durch“, sagt er.
Er erklärt mir auch, dass es völlig in Ordnung sei, wenn ich nach Hause fahre.
Für Angehörige sei dieser Zustand oft nur schwer auszuhalten. Der Prozess werde noch einige Zeit dauern.
Es fällt mir unglaublich schwer, dich in diesem Moment allein zu lassen. Trotzdem entscheide ich mich schließlich, nach Hause zu fahren. Es ist bereits Abend, und die Tiere müssen ebenfalls versorgt werden.
Bevor ich gehe, bitte ich den Pfleger noch, dir einige Dinge auszurichten, falls du wach und ansprechbar sein solltest.
Während ich das sage, merke ich selbst, wie unrealistisch dieser Gedanke eigentlich ist. Nach einer so schweren Verletzung kann niemand erwarten, dass alles sofort wieder normal ist.
Der Pfleger sieht mich nur verständnisvoll an und sagt nichts dagegen.
So mache ich mich auf den Heimweg.
Ich hoffe und bete, dass du dich beruhigst und ohne weitere Komplikationen wach wirst.
Auch heute haben mich wieder viele Menschen unterstützt. Vom Gassigehen mit den Hunden bis hin zum Abendessen – jede Hilfe war wertvoll.
Danke dafür.
Per WhatsApp, SMS und Telefon haben sich außerdem viele Menschen nach dir erkundigt.
Am Abend falle ich völlig erschöpft ins Bett. Natürlich lege ich mich wieder in dein Bett.
Und schon jetzt kann ich es kaum erwarten, morgen früh erneut auf der Intensivstation anzurufen.

